Monday, May 08, 2006

Die Träume des Jonas K.

Feierabend

Noch 54 Minuten. Das zieht sich. Die letzte Stunde ist immer die längste. Selbst wenn der Tag zuvor im Fluge vergangen war, was in unserem Falle zugegebenermassen so gut wie nie passierte, schritt die letzte Runde voran wie ein adipöser Fusskranker. Aber man war ja auch schließlich nicht zum Vergnügen hier.
Jonas Klein sass in seinem kleinen, bescheidenen Büro und leistete seinen kleinen, bescheidenen Beitrag dafür, dass der große Autokonzern „BIG ONE Cars“ (kurz BOC), welcher so gütig war ihn zu beschäftigen, wieder dahin kam, wo er hingehörte, nämlich an die Spitze der gesamten Branche. Bei seiner Einstellung hatte man ihm gepredigt, dass Demut eine unabdingbare sekundäre Tugend sei, um es in diesem Unternehmen zu etwas zu bringen und diese Eigenschaft wurde bereits bei Jonas Büro voll gefordert. Es hatte keine Fenster, was nicht verwunderte, wenn man bedachte, daß es sich im Keller des achtstöckigen Bürogebäudes befand.
Jonas wußte nicht ob es so von Firmenvorstand beabsichtigt worden war, jedenfalls waren die Stockwerke des Gebäudes streng hierarchisch angeordnet. Im obersten Stockwerk saß der nationale Vorstand, im siebten die Direktoren der verschiedenen Einkaufsdistrikte. Wer hier saß, war Mitglied des Olymps, unnahbar, unantastbar, unfassbar, zumindest für Jonas. Bei Zigarettenpausen auf dem Werksgekände konnte man gelegentlich einen dieser modernen Sagengestalten erblicken: Immer schnellen Fusses unterwegs, zu dem es garantiert einen entsprechenden Leisten in der Werkstatt eines italienischen Schuhmachers gab, welcher pro Monat nur eine handvoll Schuhe zusammenklöppelte, welche den Preis eines Kleinwagens mit Klimanlage hatten, und für dessen Material (wohlmöglich Leder hergestellt aus osttibetanischen Yakhoden) der gute Meister seinen Erstgeborenen einem ansässigen Fussballzweitligisten in Zahlung gegeben hatte. Diese Menschen (niemand konnte mit 100 prozentiger Sicherheit sagen, ob sie es wirklich waren) marschierten zielgerichtet ihrem nächsten Ziel entgegen, getrieben von Kräften, die Jonas nicht begreifen konnte und wohl auch nie begreifen würde. Sie wurden getrieben, wirkten jedoch nie gehetzt. Wie auch, es gab niemanden der ihnen ernsthaft in den Hintern treten konnte, außer vielleicht wenn sich der gesamte Zorn der Aktionäre bündelte und ein Blutopfer forderte, auf das der Gott des schnöden Mammons zufriedengestellt werde und die Anteile wieder in die Höhe schnellten. Und selbst in dem Falle, dass einer dieser Erscheinungen wirklich vor dem Rat der Anteilshaber in Ungnade gefallen war, fiel die Bestrafung in den Augen des arglosen Unbeteiligten doch recht gnädig aus. Gewöhnlich wurde eine Abfindung gezahlt, die monetär ausgedrückt höher war als alles, was die ersten drei Stockwerke (und den Keller konnte man getrost noch dazu zählen) in ihrem ganzen Leben verdienen würden. Bevor man nun mit dem ganzen Geld und dem ungewohnten Zuwachs an Freizeit in eine gepflegte Depression abgleiten konnte, meldete sich meistens noch rechtzeitig ein anderer Megakonzern, die wiederum einen neuen Halbgott suchten, da der alte ebenfalls irgendwas in den Sand gesetzt hatte und so dumm war (dieser Begriff ist eigentlich im Zusammenhang mit beschriebenen Personen unangebracht) die Schuld nicht rechtzeitig einem seiner Untergebenen zugeschoben zu haben.
Das war irgendwie vergleichbar mit einem Kind, das man beim Klauen in der Süsswarenabteilung erwischt hatte. Das Balk hatte sich die Taschen so vollgestopft mit Schokoladentafeln( die 500-Gramm Tafeln), Pralinenschachteln (die extrateuren aus handverlesenen Kakaobohnen) und Weingummies (aus garantiert BSE-freier Gelatine), das es auf seinem Weg gen Ausgang laufend Ladung verlor und eine unübersehbare Spur feinster Leckereien hinter sich her zog. Soviel Dreistheit darf natürlich nicht ungesühnt bleiben und so wird nach einer eingehenden Belehrung dem Kinde die gesamte Auslage übergeben und es zum nächsten Süsswarengeschäft geschickt. Im Falle dieses Kindes ist dies möglich, ja sogar vollkommen klar, denn dieses ist etwas- Besonderes.
Das war Jonas, der wie bereits erwähnt im Keller saß, nicht. Sein Traum war es irgendwann mal bei den Einkäufern zu sitzen, die hatten wenigstens Fenster. Sein Büro (die Bezeichnung war etwas vermessen) war cirka 14 Quadratmeter groß und wurde durch durchdringendes Neonlicht erhellt. Die Wände waren weiß gestrichen, an diesen Wänden standen drei Aktenschränke, olivgrün und wahrscheinlich seit Jahren unberührt. An der Wand hing ein Kalender, den Bremsenzulieferer gespendet hatte, datiert auf das Jahr 1998 und eine Europakarte, auf der noch die DDR zu sehen war. Es gab nur einen provisorischen Schreibtisch auf dem ein gnadenlos veralteter PC stand, welcher so langsam und laut war, daß Jonas vermutete man hätte statt eines Prozessors eine Ratte im Laufrad in diesen installiert. Er hatte sich bislang jedoch nicht getraut seine Vermutung zu überprüfen. Als Sitzgelegenheit diente ihm ein Stuhl, den man vermutlich aus der Kantine entwendet hatte.
Irgendwie schien alles, was sich in diesem Raum befand, in Vergessenheit geraten zu sein.
Noch 51 Minuten. Die Zeit stand anscheinend still. Wenn man nichts, aber auch gar nichts zu tun hat, muss man sich schon was einfallen lassen. Jonas wählte die Klo-Variante. Das brachte Zeit und man kam in Bewegung, was bei der Kantinensitzgelegenheit auch bitter nötig war. Die nächste Toilette befand sich zwar im Keller war aber aus nicht nachvollziehbaren Gründen abgeschlossen seitdem Jonas in sein Büro unter der Erde eingezogen war. Ein zuständiger Commodity Manager (früher manchen auch als Hausmeister bekannt) war nicht aufzufinden, das gesamte Commodity Management war umstrukturiert worden, wobei anscheinend etwas mit vereinzelten Schlüsseln schiefgegangen war. Mehr konnte Jonas bei seinen Spaziergängen durch das Verlies auch nicht in Erfahrung bringen, das Commodity Management arbeite aber fieberhaft an einer Lösung des Problems.
Jonas kam dieses Toilet-Issue ganz recht. Man war gezwungen im Erdgeschoss pinkeln zu gehen, das war ein weiter Weg. Jonas ging langsam, betont langsam, schritt sozusagen, fast wie ein Priester vor der Erteilung eines Sakraments. Er öffnete die blaue Stahltür die ins Treppenhaus führte und verlies so die Welt der Neonröhren in Richtung Tageslicht. Am Pissoir angekommen öffnete er langsam die Hose und drückte sich mühevoll ein paar Tropfen heraus, wenn man etwa achtmal am Tag aufs Klo ging und nicht an akuter Diarhö litt, war es schwierig seinem Körper noch irgendwelche Körperflüssigkeiten zu entlocken. Trotzdem mußte man auch hier ordentlich abschütteln. Einmal, zweimal, dreimal, ja auch viermal und weil die Firma Ihre Mitarbeiter zur äußerster Gründlichkeit in allen Bereichen des Arbeitslebens aufforderte auch guten Gewissens ein fünftes Mal. Hose wieder zu, vorsichtig. Dann gemächlich zum Waschbecken, ordentlich Seife auf die Hände (Jonas hatte vor seinem Eintritt in die Firma bei solchen Gelegenheiten nie Seife benutzt) und dann so lange waschen bis die Finger schrumpelig wurden. Um nochmal schätzungsweise 2 Minuten herauszuschinden benutzte er statt der Papiertücher den Heisslufttrockner (keine Ahnung wie der Terminus Technikus für dieses Ding war).
In der Eingangshalle warf er noch einen langen, eingehenden Blick auf die neuesten Mitteilungen des Unternehmens. Sein Blick schwiff über den Bericht über die Weihnachtsfeier der Altgedienten und die Ausschreibung des Betriebstennisturniers um schließlich bei den Sportangeboten des Betriebes zu verweilen. Fussball am Mittwoch abend, das war morgen, in der Betriebssporthalle um acht. Könnte man ja mal machen. Jonas hatte früher Fussball gespielt, nicht besonders gut, aber vielleicht spielte die Zeit ja für ihn. Vermutlich wäre er der Jüngste und vielleicht auch der Schlankeste. Bewegung hatte er bitter nötig, er war nie besonders athletisch gebaut gewesen, aber zu seiner schmalen Brust hatte sich jetzt noch ein unübersehbares Bäuchlein gesellt. Im Profil sah er aus wie ein kleines b. Sportbekleidung und Turnschuhe (weiße Sohle) waren mitzubringen, sowie natürlich gute Laune (natürlich).
Jonas schlenderte zurück in seine Kammer. Simultan mit Betreten des Zimmers fiel sein Blick auf das Display seines Telefons. 15.43. Ja! Reife Leistung. Jonas rechnete: Wenn er fünf Minuten früher ginge (was in diesem Unternehmen weitgehend als akzeptabel galt) hätte er jetzt noch 12 Minuten. Das war nur noch halb so wild. Jonas begann langsam und bedächtig seinen Schreibtisch aufzuräumen. Er ordnete Stifte, Lineal, Locher und Papier geometrisch an, richtete sie so aus, dass sich ein Muster auf dem Tisch bildete. Er korrigierte einzelne Bestandteile dieses Musters, bis sie seiner Meinung nach perfekt angeordnet waren.
Ein Blick auf das Display: 15.47. Weniger als 10 Minuten, bald war es geschafft.
Er nahm den Papierkorb, in dem zwei zusammengeknüllte Seiten Papier lagen und ging zum Shredder, der ein paar Zimmer weiter stand. Die beiden Fehldrucke hätten einen Werksspion nicht wirklich weitergeholfen, trotzdem, wenn er nichts sinnvolles zu tun hätte, könnte er wenigstens das gründlich tun. Und sicher war und sit und blieb schließlich sicher. Er entknäulte die beiden Papiere, um den Shredder nicht zu verstopfen und legte sie fast zärtlich in den Einzug. Nachdem er gewissenhaft überprüft hatte, ob die Maschine ihren Dienst auch ordnungsgemäß verrichtet hatte, kehrte er an seinen Arbeitsplatz zurück.
Display: 15.53. Fast geschaft, jetzt mußte er sich beeilen, um das Büro noch planmäßig verlassen zu können.
Er fuhr den Computer herunter und zog gleichzeitig seine Jacke an um Zeit zu sparen. Er wartete bis der Rechner sich von ihm höflich verabschiedete.
Display: 15.54. Eine Minute mehr oder weniger, darauf kam es jetzt auch nicht mehr an, nichts wie raus hier. Er packte seinen Rucksack und schmiss die Tür hinter sich zu. Abschliessen konnte er nicht, besagtes Problem im Facillity-Management hatte zur Folge, das auch der Schlüssel zu diesem Raum fehlte. Ungewohnt schnellen Schrittes verlies Jonas das Verlies, betrat den Hof, fühlte die wärmenden Sonnenstrahlen auf seiner Haut, atmete die frische Luft und war für ein paar Sekunden glücklich. Dieser Zustand änderte sich aber spätestens als er am Werksausgang dem Mann vom Sicherheitsdienst begegnete. Man kannte sich bereits, der Wächter hatte es sich bis jetzt noch nie nehmen lassen, Jonas ausgiebig zu untersuchen. So auch diesmal. Beim Versuch das Tor zu passieren prallte Jonas gegen die Schulter des Schergen.
„Aufmachen, bitte!“
Jonas seufzte. Was konnte sich schon in diesem beschissenen Rucksack verbergen? Wichtige Informationen über strenggeheime Technologien?. Die Firma war ja noch nicht mal im Stande ein Auto mit akzeptablem Spritverbrauch zu bauen, bzw. ein ordentliches Design hinzukriegen. Was sollte er hier schon raustragen? Um herauszufinden was für einen Schund hier fabriziert wurde konnten die gegnerischen Unternehmen einfach geduldig warten bis die nächste Katastrophe auf den Markt geworfen wurde. Um sich dann halbtot zu lachen.
Nutzte nichts, der Mann für die Sicherheit filzte den Rucksack nach besten Gewissen, sogar die Seitentaschen.
„Alles in Ordnung.“ Wer hätte das gedacht.
Jonas setzte sich in Bewegung. Wenn er jetzt noch die Bahn kriegen wollte, mußte er einen Schritt zulegen. Wenn dieses Arschloch von der Sicherheit nicht...
Tatsächlich sah er die Bahn schon auf die Haltestelle zusteuern und diese war noch cirka 200 Meter entfernt. Er legte so etwas wie einen Sprint ein, was bedeutet, dass er pumpte und kämpfte wie im 100-Meter-Finale der olympischen Spiele. Von der Stelle kam er jedoch kaum. Glücklicherweise war jemand, der ihn vom Weiten keuschend und japsend nahen sah, so gütig , die Tür zu blockieren. Das freute wahrscheinlich nicht den Bahnfahrer, umso mehr jedoch Jonas, der dem edlen Retter ein ersticktes „Dange“ zukeuschte.
Jonas setzte sich auf den einzigen freien Doppelplatz. Der Tag wäre also auch vorbei. Gott sei Dank.

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