There`s no place like home (erster Teil)
500 € kalt für 50qm waren in dieser Stadt wirklich nicht zu viel, da konnte man nicht meckern. Das Viertel, in dem Jonas wohnte, gehörte zu den besseren in der Stadt. Hier wohnten vor allem Paare ohne Trauschein und Kinder und noch mehr Singles. Arm war hier keiner, auch nicht Jonas, wenn er ehrlich war. Da jeder für seinen Wohlstand aber hart arbeiten musste, war das Viertel tags über meschenleer, auch am Wochenende, denn dann zog es die Einwohner zum Free Climbing oder Fallschirmspringen in die Provinz.
An den verschiedenen Gebäuden, in denen zwischen 3 und 10 Mietparteien wohnten, hatten sich wohl die verschiedensten Architekten versucht, anscheinend alle mit dem Ziel, etwas einzigartiges zu schaffen. Die Bemühtheit, mit dem dieses Unterfangen durchgeführt wurde, erzeugte jedoch eine unverkennbare Eintönigkeit, eine hochdesignte Tristesse. Plattenbau für Besserverdienende, dachte sich Jonas während er auf seine Unterkunft zusteuerte.
Er öffnete das Hochsicherheitsschloss seiner Wohnungstür. Die Menschenleere des Viertels zog Personen an, die die Umverteilung des Gesellschaftskapitals auf ihre Art und Weise lösen wollten. Die Zahl der Einbrüche in diesem Teil der Stadt war signifikant hoch, so sagte man, vor allem tags über und gelegentlich auch in der Nacht. So erhöhten die Einwohner ihren Sicherheitsetat um ihr sauer verdientes Hab und Gutzu schützen, beteten in der Nacht, dass die bösen Männer ihnen nicht ihr neues Notebook, den DVD-Player oder die Videospielkonsole wegnehmen würden, das die Dreifachschlösser und Alarmanlagen die bösen Geister abhalten würden und Firmen, die mit der Angst des Mittelstands ihr Geld verdienten, machten gute Umsätze.
Jonas verriegelte die Tür hinter sich und warf seinen Rucksack in die Ecke. Die Wohnung war größtenteils in weiss gehalten, weisser Fliesenboden in Diele, Küche und Bad, wie in einer Zahnarztpraxis oder einem Achtziger Jahr- Bistro. An der Wand zwei gerahmte Kunstdrucke, dieses Blumenbild von Van Gogh und das Bild von Michelangelo, wo Gott und Adam sich zum Shakehands treffen. Nicht originell, aber dekorativ. Jonas Freundin hatte die Bilder ausgesucht, von ihm aus hätte auch ein Kalender an Wand hängen können oder eine Fotomontage aus der Abizeit, das war ihm relativ gleich.
Er öffnete den Kühlschrank und nahm einen Schluck Milch, ging dann ins Wohnzimmer und liess sich in den Sessel fallen. Nachdem er eine Minute lang an absolut nichts gedacht hatte (was äußerst entspannend war) wandte er sich dem Anrufbeantworter zu. Zwei Nachrichten. Jonas überkam immer ein eisiger Schauer, wenn Nachrichten für ihn hinterlegt waren, keine Ahnung warum, er erwartete wohl immer schlechte Nachrichten. Eine Nachricht war o.k., das war dann wohl Yvonne, aber desto mehr Nachrichten, desto grösser der Horror. Er erinnerte sich daran, das er mal nach einem Wochenende, an dem er bei seiner Mutter weilte, 10 neue Nachrichten auf dem AB hatte. Er war damals einem Nervenzusammenbruch nahe. Es stellte sich heraus, dass lediglich ein besoffener Kumpel, der nicht mehr Herr seiner Sinne war, Jonas Telefonnummer mit der einer Verflossenen verwechselt hatte. Die Anrufe erfolgten alle Samstag nachts zwischen 1.30 und 4.15, anscheinend bis dem Anrufer eine gnädige Ohnmacht übermannte.
Jonas sagte sich, dass alles schon nicht so schlimm sein würde, bestimmt nur gute Nachrichten, und drückte die Play-Taste.
Erste Nachricht: Wie erwartet Yvonne.
"Hallo Jonas, ich bins. Wollte nur kurz Bescheid sagen, dass die noch kurzfristig einen Event angesetzt haben. Sone Podiumsdiskussion mit dem Winzerverband. Da könnt ich echt Punkte machen. Um 17.30 muss ich dann spätestens weg sein, wenn du also mit mir reden willst, ruf bis dahin an. Heut abend wirds zu stressig, bin gestern abend schon so spät ins Bett gekommen. Also bis dann."
Jonas schaute auf die Uhr. Kurz nach fünf, das würde mehr als reichen.
Zweiter Anruf: Toni
"Hallo Alter, ich bins. Wollt dich nur nochmal dran erinnern an Freitag. Passionsgeschichte im Pfarrzentrum St. Michael. Das wird riesig, der absolute Schocker. Arnes Freundin hat die Kostüme gemacht, ist ja eigentlich ne blöde Kuh,aber das muss man ihr lassen. Diese Flachpfeifen vom Pfarrgemeinderat denken wirklich wir machen da son scheiss Krippenspiel. Das wird der Event des Jahres. Ich hab sogar son Schreiberling vom Stadtanzeiger an der Hand, was sagst du dazu? Ey, wenn du das verpasst hau ich dir eine rein. Also, Freitag 20 Uhr, du weißt Bescheid."
Da konnte man wirklich nicht Nein sagen. Allein schon aufgrund der Nachdrücklichkeit der Einladung.
Jonas war ganz froh, das Toni nicht um Rückruf gebetten hatte. Der Mann war, wie vielleicht schon deutlich wurde, ein arg impulsiver Charakter. Seine emotionalen Ausbrüche waren für Jonas seit seinem Eintritt in die Firma nur noch schwer zu ertragen, so sehr hatte ihn sein Arbeitsalltag eingelullt.
Bliebe da noch die Dame seines Herzens. Jonas wählte Yvonnes Nummer:
"Hallo Jonas!"
"Hallo mein Schatz!"
"Na!"
"Na!?"
Schweigen.
"Alles klar?" fragte Jonas um der Stille entgegenzuwirken.
Das war der Startschuss für einen Yvonne-typischen Monolog:
"Mann, du kannst Dir gar nicht vorstellen was hier im Moment abgeht. Der Volker is einfach unglaublich. War gestern mit uns noch bis Elf an der Theke, und morgens schon wieder um sechs auf der Matte. Das issen Kerl. Unglaublich. Gleich hat der schon wieder ein Meeting, noch ganz kurzfristig angesetzt. Hab ich Dir ja schon erzählt. Wir kämpfen hier echt um jede Stimme. Der Volker meinte, wer ihn jetzt nicht wählt, ist selber schuld, ha, ha, ha."
Muss wohl Politikerhumor sein, dachte Jonas.
"Ich bin echt stehend k.o. Ist alles total crazy hier. Aber auch irgendwie total cool, ich lern total viele Leute kennen, is ja auch irgendwie wichtig, von wegen Networking und so. Der Volker meinte auch, jemanden wie mich, den kann man immer gebrauchen. Weil ich so eine sympatische Ausstrahlung habe, so gut mit Leuten umgehen kann. Da bin ich echt rot geworden."
Jonas Eifersucht hielt sich in Grenzen. Er kannte das inzwischen schon, bei jeder der unzähligen Praktikumsstellen, die Yvonne in den letzten Jahren hatte, wurde sie nur so mit Lob überschüttet. Gebracht hatte das bislang freilich wenig, außer vielleicht einer neuen Praktikumsstelle. Jeder, der Personal brauchte, sich aber nicht leisten konnte(oder konnte, aber nicht wollte), stellte Praktikanten ein. Die waren gut motiviert, lernfähig, flexibel, aufgeschlossen, teamfähig, selbstbewussst oder unterwürfig, je nachdem was grade gefordert wurde, waren zweisprachig aufgewachsen und beherrschten noch drei zusätzliche Sprachen verhandlungssicher. Dies alles stellten sie für wenig oder gar kein Geld willfährig zur Verfügung. Alles was sie brauchten war die Praxiserfahrung, ab und zu ein gutes Wort und vor allem eine Aussicht. Eine Aussicht auf eine Festanstellung, auf einen Zeitvertrag, auf ein besseres Leben. Es war egal, dass dies so gut wie nie eintraf. Die Zeiten waren schlecht, da konnte man wirklich nichts verlangen. Aber die Aussicht, die musste stimmen, sonst schuftete es sich so schlecht.
Jonas hing diesem Gedanken eine Weile nach, während Yvonne erzählte und erzählte. Er hörte gar nicht richtig zu, es ging eh um die ewig selben Themen: Die Arbeit, die Karriere, der erstaunliche Chef (potentielle Europaparlamentarier waren aber auch zu sexy).
Jonas war der Meinung, dass jetzt auch dem zwischenmenschlichen Aspekt Genüge getan werden musste. Er unterbrach seine Freundin.
"Ich vermisse Dich."
Sehr langes Schweigen.
„Jooonas!“
Oh nein, nicht schon wieder! dachte sich Jonas. Das alte, leidige Thema, der wunde Punkt, die Urangst eines jeden Mitzwanzigers in der heutigen Zeit: Bindungsphobie.
„Du weißt doch, dass ich mit so was echt nicht umgehen kann, Jonas.“
„Was hab ich denn gemacht?“ fragte Jonas, der den Grund sehr gut kannte.
„Du sagst, dass du mich vermisst, dass heißt, dass du mich brauchst. Und dass du mich brauchst, belastet mich mit einer enormen Verantwortung und noch mehr Verantwortung kann ich im Moment echt nicht haben.“
Jonas musste ein wenig schmunzeln, da ihm die enorme Verantwortung, die im Kopieren von Tagesordnungen und dem Verteilen von Flyern lag, nicht ganz einleuchten wollte. Dennoch versuchte er Yvonne zu besänftigen.
„Ist ja gut, ich habs nicht so gemeint.“
„Du fängst immer wieder dieses Thema an, dabei kennst du meine Meinung dazu.“
„Schon gut, es kommt nicht wieder vor.“
„Wir sind alle Individuen.“
„Ja, ja.“
„Ich und auch du!“
„Stimmt.“
„Du musst doch auch an deine Karrieredenken.“
„Karriere?“ Da musste Jonas doch lachen. „Ich sitze in einem feuchten Kellerloch, habe einen Computer vor mir, über den sich ein Museum freuen würde und anscheinend bin ich der Einzige, der weiß, dass ich überhaupt in diesem Betrieb angestellt bin.“
„Aller Anfang ist schwer.“ drang es mütterlich durch den Hörer.
„Von Anfang kann gar keine Rede sein. Ich glaube eher, das ist das Ende.“
„Meine ehemalige Chefin hat genauso angefangen wie wir. Am Anfang macht man halt die Handlangersachen.“
„Das war damals, in der guten alten Zeit. Da gab es noch Festanstellungen, Aufstiegsmöglichkeiten, ein angemessenes Gehalt…“
„Wichtig ist, das man selbst die Handlangerarbeiten gewissenhaft und zuverlässig ausführt. Im Moment läuft es halt ein bisschen zäh, aber wenn die Krise erstmal vorbei ist…“
„ Das hör ich jetzt seit dem ich mir überhaupt Gedanken über einen Job mache. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern überhaupt mal einen Boom erlebt zu haben. Das ist keine Krise, das ist der steile Weg bergab…“
„Jetzt hör auf damit, mach mal keine Panik. Du hast doch VWL studiert, du musst doch wissen das das wirtschaftlich immer auf und ab geht.“
„Von wegen auf und ab. Alle reden immer vom Wachstum, was soll denn da noch wachsen? Wir sind doch alle so was von satt.“
„Jonas, bitte!“
„Doch, natürlich. Wir haben doch alles. Wieviele Handies hast du zum Beispiel?“
„Zwei.“
„Zwei? Seit wann hast du zwei Handies?“
„Mein privates und mein dienstliches. Volker hats mir gegeben.“
„Öhm, ja…“ Jonas hatte kurz den Faden verloren, fand aber wieder rechtzeitig in seine Kritik zur Lage der Nation zurück bevor Yvonne ihm das Wort abschneiden konnte.
„Und wie viel Autos hast du“
„Das weißt Du Jonas.“
„Du verdienst so gut wie keine Kohle und hast ein Auto.“
„Das bezahlen meine Eltern und das weißt du auch. Und überhaupt, du verdienst weitaus mehr Geld als ich, arbeitest bei einem Autokonzern und hast kein Auto, wie siehts damit aus?“
„Ich bekomme vor meiner Wohnung keinen Parkplatz.“
„Ja, is klar.“
„Nein, ist einfach so. Die wollen 200 € für einen Parkplatz, im Monat.“
„Da hast du ja jetzt was wofür es sich lohnt zu arbeiten.“
„Ja, da brauch ich nur noch ein Auto.“
„Nochmal, du arbeitest bei einem Autokonzern“
„Nee, da nimm ich lieber weiter den Bus.“
Ein tiefer Seufzer kam aus dem Hörer. Yvonne war jetzt am Rande ihrer Geduld. Die Konversation neigte sich dem Ende zu.
„Ja ich weiß, ich bin furchtbar.“
„Manchmal schon“
Abermaliger Seufzer.
„Ich muß jetzt schlussmachen, ich muß zum Termin.“
„Ja, schon o.k. Ich…“ Jonas hielt inne, den Satz mit dem hässlichen Wort Vemissen konnte er nicht bringen.
„Ich bin eigentlich ganz froh, dass du nicht hier bist.“
„Was soll das denn jetzt?“
„Tschuldigung, ich wollte lediglich ein Verantwortungsdruck von dir nehmen.“
„Oh Mann…“ Klick. Yvonne hatte aufgelegt. Jonas überkam ein schlechtes Gewissen. Das war wohl etwas
zu viel des Guten.
3 Jahre war er jetzt mit Yvonne zusammen. Wenn man das so nennen konnte. Die Diskussion um Bindung oder Nichtbindung waren so alt wie die Beziehung an sich. Aber irgendwie wurde er das Gefühl nicht los das dies jetzt wirklich die letzten Züge waren.
to be continued.......

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