Thursday, June 01, 2006

There's no place like home (Teil 2)

Keine Zeit Trübsal zu blasen, es klingelte an der Tür. Merkwürdig, er erwartete keinen Besuch. Die Nachbarn kamen eigentlich auch nicht vorbei, man schätzte hier die Anonymität, vorzugsweise schickte man die Polizei oder den Hausmeister um Botschaften zu übermitteln. Jonas warf einen Blick durch den Türspion. Aha, schau an. Ilka Zorn. Ihrerseits Schwedin, arbeitete wie Jonas bei BOC, wenn auch bei weitaus besseren Salär. Was könnte die wollen? Jedenfalls war sie nicht gekommen um eine Tasse Zucker oder einen Liter Milch zuborgen, sie war nicht eine der Frauen die zu essen pflegten, zumindest nicht regelmäßig. Sie sah aus, na ja, wie halt so eine Skandinaviern auszusehen hatte: Groß, sehr schlank, lange blonde Haare, blauäugig und sehr große Brüste in Relation zu ihrer Statur. Die Oberweite schien aber durch den Türspion noch weitaus prächtiger. Ilka war die einzige seiner Nachbarn gewesen, die ihn damals zu einem Kaffee in ihre Wohnung eingeladen hatte, damals, als er er mit seinen Einkäufen die Treppe herauffiel und mit seinem Gesicht auf Ihrer Fussmatte bremste. Ein wahrer nordischer Engel. Jonas öffnete.

"Guten Tag, störe ich?"

"Nicht doch!"

"Haben Sie mal einen Augenblick Zeit, ich hab da ein Problem, es ist mir ein bißchen peinlich."

"Sicher!"

Jonas folgte ihr zu ihrer Wohnung, in seinem Kopf allerlei Gedanken pornograpfischen Ursprungs. Man kannte das ja, Schwedin, alleine in ihrer Wohnung, hilfsbedürftig, sucht sich den stärksten Deckhengst im Haus. Mit einem breiten Grinsen stieg er ihr nach.

"Haben Sie sowas eigentlich schon mal gemacht."

"Ähm, ja klar, oft sogar" log Jonas und errötete.

"Vielen ist es beim ersten Mal unangenehm. Da bin ich ja froh, das sie ein Mann mit Erfahrung sind. "

"Bin ich!"

"So was kann nicht jeder."

"Wem sagen sie das."

"Sie ekeln sich nicht."

"Ach was."

"Na ja, dann wissen sie ja, wie man damit umgeht."

Jonas schreckte angewiedert zurück. Sie hielt ein absonderliches Instrument in der Hand. Was sollte er damit bloß anstellen?

"Also, ich verwende Klupmstreu. Wenn sie das Katzenklo einmal am Tag säubern könnten, da wäre ich Ihnen sehr dankbar, jeder zweite würde vielleicht auch reichen. Den Drecke tue ich immer in diesen Eimer hier. Ich tue einen neuen Müllsack rein, für vier Tage müßte das reichen. Ich bin ihnen wirklich dankbar, ich hätte sonst nicht gewußt was ich machen sollte. Mögen Sie Katzen?"

"Ich liebe Katzen!"

Die Katze war ziemlich fett und sah verschlagen aus. Jonas hasste Katzen. Ganz besonders diese langhaarigen, verzüchteten Biester mit dem flachen Gesicht. Während seiner Studentenzeit war er von einem Kater namens Tyson angefallen worden, eine Attacke die Ihm seinen Unterarm in Fransen hinterliess. Dabei hatte Jonas lediglich versucht ihn auf einer Studentenfete vom Sofa zu entfernen, er fand es lächerlich das die gesamte Fläche des Raumes von stehenden Gästen besetzt war, während diese üble Laune der Natur das halbe Sofa besetzte. So versuchte er den Kater am Nacken hochzuheben und vorsichtig auf den Boden zu setzen. Er hatte gedacht das dies der probate Weg wär eine Katze von A nach B zu befördern, leider dachte Tyson. Ergebnis war ein Rendezvou mit einem unausgeschlafenen und übelgelaunten persischen Assistenzarzt um 3 Uhr nachts und die Gewissheit, den anwesenden Partygästen noch Jahre später als dankbare Anekdote auf späteren Geschäftsessen zu dienen. Sein Schreien und Winseln war jedenfalls durch das gesamte Studentenviertel zu hören gewesen.

Später hatte ihm eine erklärte Katzenliebhaberin erklärt, das diese Art von Katze gar nicht in der Lage gewesen sein könnte ihm so schwere Verletzungen zuzufügen. Jonas Beschreibung nach mußte es sich um einen Perser (nicht der Assistenzarzt) gehandelt haben. Diese Rasse ist so überzüchtet, dass sie durch Ihre extrem flachen Schnauzen eben auch einen extrem deformierten Kiefer hatten. Daduch ist es den armen Viechern noch nicht einmal möglich Trockenfutter zu kauen. So war die Nahrungsaufnahme nur mit Feuchtfutter möglich, das die Katze dann an ihrem Gaumen mit der Znge zerdrückt. Wenn eine solche Katze also an einem Krümel fast ersticken würde, wie sollte Sie dann in der Lage sein einen Unterarm in einen Kepabspiess umzugestalten. Jonas jedenfalls wußte was er in der besagten Nahct gesehen und erlitten hatte. Vielleicht hatte es sich auch nur um eine Fehlzüchtung gehandelt, mit ausgeprägten Kiefer.

Ilka bat zum Tee auf die Nappa-Sitzgruppe. Jonas Projekt war also das Katzenklo für die nächste Woche zu säubern. Er hätte aber auch nicht ernsthaft erwartet, dass sich seine brachial-erotischen Phantasien erfüllt hätten. Ilka arbeitete wie er bei BOC, allerdings nicht im Keller des Einkaufs sondern im Event-Management. Sie hatte einen absoluten Traumjob: Sie organisierte die Incentive- Aktionen für die BOC-Händler. Diese ganzen Aktionen waren ersonnen worden um die Händler zu noch mehr Verkäufen zu animieren. Damit der Kunde nicht mit gezogener Waffe zum Autokauf bewegt wurde, was zu Anfang Gerüchten nach vorgekommen sein soll, floss auch die Qualität des Beratungsgesprächs in die Wertung ein. Teilnehmer dieses Programms waren demzufolge in der Überzahl Händler aus der bayrischen Provinz, die ganze Flotten an Verwandte, Freunde, Freunde von Verwandten und Freunden von Freunden verkauften. Dieses Hinterwäldlerklientel wurde dann rund um den Erdball kutschiert, das Eventbüro war tapeziert mit Bildern von der Belegschaft Autohaus Huber vor dem Zuckerhut, den Gebrüdern Steiner vor den Pyramiden oder dem Ehepaar Brunner im Restaurant des Eifelturms. Unterbringung und Programm war bei jedem Event vom feinsten, legendär war der 50m lange Autokorso an der Cote d Azur gewesen, die Geschäftsführer des Autohauses Hinterseer zu Marktschwaben vorneweg.

Ilkas Aufgabe war es nun diese Klassenfahrten zu organisieren. Hotels mussten gesucht, Fluege gebucht und besonders exklusive Attraktionen fuer die hohen Gaeste organisiert werden. Und das war gar nicht so einfach, denn das Publikum war durch das Incentive-Abonnement verwöhnt. Es waere wahrscheinlich einfacher einen Staatsbesuch auf die Beine zu stellen. Als sich Jonas die mit sueddeutschem Dialekt maulende Haendlermeute vorstellte, kamen ihm erste Zweifel am Traumjob. Aber Ilka war jener dieser Menschen die wahrscheinlich genetisch gar nicht dazu in der Lage war unfreundlich oder zumindest genervt zu sein.

„Sie arbeiten im Einkauf, richtig?“

„Richtig, seit 6 Wochen.“

„Das ist bestimmt wahnsinnig interessant!“

Das muss die professionelle Freundlichkeit sein, dachte sich Jonas.

„Nicht wirklich, aber ich kaufe ja auch nichts ein.“

„So?“, stutzte Ilka und sah Jonas irritiert an.

Diese Direktheit war man im Eventmarketing anscheinend nicht gewohnt. Jonas merkte das er die Stimmung wieder auf serviceorientiertes mittleres Freundlichkeitsniveau rücken musste. Ilka war die einzige Person im Haus die überhaupt mit ihm sprach, das durfte er jetzt nicht versauen.

„Ja, also ich bin ja erst kurz dabei. Im Moment mache ich das Cost-Tracking. Für den neuen E4-Motor. Haben Sie vielleicht schon gehört, dieses neue Treibstoff sparende Modell. Der besteht zum größten Teil aus Aluminium, ist deswegen besonders leicht und…..“

O.k., vielleicht etwas zu detailiert, Jonas registrierte das Ilka abschaltete.

„Jedenfalls habe ich Zugriff zu allen Einkaufssystemen und prüfe selbstständig und proaktiv ob die Preise unserer Kalkulation mit denen in der Datenbank übereinstimmen. Wenn dies nicht der Fall ist flagge ich den Vorfall und verständige den zuständigen Programm-Buyer per e-mail.“

„Ja, das ist ja fabelhaft. Ich meine, da bekommen Sie doch sehr interessante Einblicke, Zugriff zu den Datenbanken hat schließlich nicht jeder. Klar am Anfang ist die Arbeit oft repetitiv, das war bei mir am Anfang auch so. Ich musste auf meiner ersten Stelle eine ganze Liste mit Händlern abtelefonieren um die Termine für die Service-Screenings zu vereinbaren. Da hab ich nach ner Woche gedacht ich werde wahnsinnig.“

Geil, dachte Jonas. Kontakt zu Menschen. Gespräche. Plausch mit Kollegen am Kaffeeautomaten. Aufmunternde Worte vom Chef am Abend. Oder halt ne Standpauke vom Chef am Abend, auch gut. Aber Wahnsinn.

„Und der Kontakt zu den Programm-Buyern, die haben doch Einblicke in sämtliche Bereiche des Einkaufs. Wenn Sie sich da profilieren können, das wäre schon was. Das könnte ein Sprungbrett für Sie werden.“

„Ja, ein Sprungbrett,“ wiederholte Jonas zombieartig.

Hoffentlich ist Wasser im Becken.

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