Thursday, May 18, 2006

There`s no place like home (erster Teil)

500 € kalt für 50qm waren in dieser Stadt wirklich nicht zu viel, da konnte man nicht meckern. Das Viertel, in dem Jonas wohnte, gehörte zu den besseren in der Stadt. Hier wohnten vor allem Paare ohne Trauschein und Kinder und noch mehr Singles. Arm war hier keiner, auch nicht Jonas, wenn er ehrlich war. Da jeder für seinen Wohlstand aber hart arbeiten musste, war das Viertel tags über meschenleer, auch am Wochenende, denn dann zog es die Einwohner zum Free Climbing oder Fallschirmspringen in die Provinz.

An den verschiedenen Gebäuden, in denen zwischen 3 und 10 Mietparteien wohnten, hatten sich wohl die verschiedensten Architekten versucht, anscheinend alle mit dem Ziel, etwas einzigartiges zu schaffen. Die Bemühtheit, mit dem dieses Unterfangen durchgeführt wurde, erzeugte jedoch eine unverkennbare Eintönigkeit, eine hochdesignte Tristesse. Plattenbau für Besserverdienende, dachte sich Jonas während er auf seine Unterkunft zusteuerte.

Er öffnete das Hochsicherheitsschloss seiner Wohnungstür. Die Menschenleere des Viertels zog Personen an, die die Umverteilung des Gesellschaftskapitals auf ihre Art und Weise lösen wollten. Die Zahl der Einbrüche in diesem Teil der Stadt war signifikant hoch, so sagte man, vor allem tags über und gelegentlich auch in der Nacht. So erhöhten die Einwohner ihren Sicherheitsetat um ihr sauer verdientes Hab und Gutzu schützen, beteten in der Nacht, dass die bösen Männer ihnen nicht ihr neues Notebook, den DVD-Player oder die Videospielkonsole wegnehmen würden, das die Dreifachschlösser und Alarmanlagen die bösen Geister abhalten würden und Firmen, die mit der Angst des Mittelstands ihr Geld verdienten, machten gute Umsätze.

Jonas verriegelte die Tür hinter sich und warf seinen Rucksack in die Ecke. Die Wohnung war größtenteils in weiss gehalten, weisser Fliesenboden in Diele, Küche und Bad, wie in einer Zahnarztpraxis oder einem Achtziger Jahr- Bistro. An der Wand zwei gerahmte Kunstdrucke, dieses Blumenbild von Van Gogh und das Bild von Michelangelo, wo Gott und Adam sich zum Shakehands treffen. Nicht originell, aber dekorativ. Jonas Freundin hatte die Bilder ausgesucht, von ihm aus hätte auch ein Kalender an Wand hängen können oder eine Fotomontage aus der Abizeit, das war ihm relativ gleich.

Er öffnete den Kühlschrank und nahm einen Schluck Milch, ging dann ins Wohnzimmer und liess sich in den Sessel fallen. Nachdem er eine Minute lang an absolut nichts gedacht hatte (was äußerst entspannend war) wandte er sich dem Anrufbeantworter zu. Zwei Nachrichten. Jonas überkam immer ein eisiger Schauer, wenn Nachrichten für ihn hinterlegt waren, keine Ahnung warum, er erwartete wohl immer schlechte Nachrichten. Eine Nachricht war o.k., das war dann wohl Yvonne, aber desto mehr Nachrichten, desto grösser der Horror. Er erinnerte sich daran, das er mal nach einem Wochenende, an dem er bei seiner Mutter weilte, 10 neue Nachrichten auf dem AB hatte. Er war damals einem Nervenzusammenbruch nahe. Es stellte sich heraus, dass lediglich ein besoffener Kumpel, der nicht mehr Herr seiner Sinne war, Jonas Telefonnummer mit der einer Verflossenen verwechselt hatte. Die Anrufe erfolgten alle Samstag nachts zwischen 1.30 und 4.15, anscheinend bis dem Anrufer eine gnädige Ohnmacht übermannte.

Jonas sagte sich, dass alles schon nicht so schlimm sein würde, bestimmt nur gute Nachrichten, und drückte die Play-Taste.

Erste Nachricht: Wie erwartet Yvonne.

"Hallo Jonas, ich bins. Wollte nur kurz Bescheid sagen, dass die noch kurzfristig einen Event angesetzt haben. Sone Podiumsdiskussion mit dem Winzerverband. Da könnt ich echt Punkte machen. Um 17.30 muss ich dann spätestens weg sein, wenn du also mit mir reden willst, ruf bis dahin an. Heut abend wirds zu stressig, bin gestern abend schon so spät ins Bett gekommen. Also bis dann."

Jonas schaute auf die Uhr. Kurz nach fünf, das würde mehr als reichen.

Zweiter Anruf: Toni

"Hallo Alter, ich bins. Wollt dich nur nochmal dran erinnern an Freitag. Passionsgeschichte im Pfarrzentrum St. Michael. Das wird riesig, der absolute Schocker. Arnes Freundin hat die Kostüme gemacht, ist ja eigentlich ne blöde Kuh,aber das muss man ihr lassen. Diese Flachpfeifen vom Pfarrgemeinderat denken wirklich wir machen da son scheiss Krippenspiel. Das wird der Event des Jahres. Ich hab sogar son Schreiberling vom Stadtanzeiger an der Hand, was sagst du dazu? Ey, wenn du das verpasst hau ich dir eine rein. Also, Freitag 20 Uhr, du weißt Bescheid."

Da konnte man wirklich nicht Nein sagen. Allein schon aufgrund der Nachdrücklichkeit der Einladung.

Jonas war ganz froh, das Toni nicht um Rückruf gebetten hatte. Der Mann war, wie vielleicht schon deutlich wurde, ein arg impulsiver Charakter. Seine emotionalen Ausbrüche waren für Jonas seit seinem Eintritt in die Firma nur noch schwer zu ertragen, so sehr hatte ihn sein Arbeitsalltag eingelullt.

Bliebe da noch die Dame seines Herzens. Jonas wählte Yvonnes Nummer:

"Hallo Jonas!"

"Hallo mein Schatz!"

"Na!"

"Na!?"

Schweigen.

"Alles klar?" fragte Jonas um der Stille entgegenzuwirken.

Das war der Startschuss für einen Yvonne-typischen Monolog:

"Mann, du kannst Dir gar nicht vorstellen was hier im Moment abgeht. Der Volker is einfach unglaublich. War gestern mit uns noch bis Elf an der Theke, und morgens schon wieder um sechs auf der Matte. Das issen Kerl. Unglaublich. Gleich hat der schon wieder ein Meeting, noch ganz kurzfristig angesetzt. Hab ich Dir ja schon erzählt. Wir kämpfen hier echt um jede Stimme. Der Volker meinte, wer ihn jetzt nicht wählt, ist selber schuld, ha, ha, ha."

Muss wohl Politikerhumor sein, dachte Jonas.

"Ich bin echt stehend k.o. Ist alles total crazy hier. Aber auch irgendwie total cool, ich lern total viele Leute kennen, is ja auch irgendwie wichtig, von wegen Networking und so. Der Volker meinte auch, jemanden wie mich, den kann man immer gebrauchen. Weil ich so eine sympatische Ausstrahlung habe, so gut mit Leuten umgehen kann. Da bin ich echt rot geworden."

Jonas Eifersucht hielt sich in Grenzen. Er kannte das inzwischen schon, bei jeder der unzähligen Praktikumsstellen, die Yvonne in den letzten Jahren hatte, wurde sie nur so mit Lob überschüttet. Gebracht hatte das bislang freilich wenig, außer vielleicht einer neuen Praktikumsstelle. Jeder, der Personal brauchte, sich aber nicht leisten konnte(oder konnte, aber nicht wollte), stellte Praktikanten ein. Die waren gut motiviert, lernfähig, flexibel, aufgeschlossen, teamfähig, selbstbewussst oder unterwürfig, je nachdem was grade gefordert wurde, waren zweisprachig aufgewachsen und beherrschten noch drei zusätzliche Sprachen verhandlungssicher. Dies alles stellten sie für wenig oder gar kein Geld willfährig zur Verfügung. Alles was sie brauchten war die Praxiserfahrung, ab und zu ein gutes Wort und vor allem eine Aussicht. Eine Aussicht auf eine Festanstellung, auf einen Zeitvertrag, auf ein besseres Leben. Es war egal, dass dies so gut wie nie eintraf. Die Zeiten waren schlecht, da konnte man wirklich nichts verlangen. Aber die Aussicht, die musste stimmen, sonst schuftete es sich so schlecht.

Jonas hing diesem Gedanken eine Weile nach, während Yvonne erzählte und erzählte. Er hörte gar nicht richtig zu, es ging eh um die ewig selben Themen: Die Arbeit, die Karriere, der erstaunliche Chef (potentielle Europaparlamentarier waren aber auch zu sexy).

Jonas war der Meinung, dass jetzt auch dem zwischenmenschlichen Aspekt Genüge getan werden musste. Er unterbrach seine Freundin.

"Ich vermisse Dich."

Sehr langes Schweigen.

„Jooonas!“

Oh nein, nicht schon wieder! dachte sich Jonas. Das alte, leidige Thema, der wunde Punkt, die Urangst eines jeden Mitzwanzigers in der heutigen Zeit: Bindungsphobie.

„Du weißt doch, dass ich mit so was echt nicht umgehen kann, Jonas.“

„Was hab ich denn gemacht?“ fragte Jonas, der den Grund sehr gut kannte.

„Du sagst, dass du mich vermisst, dass heißt, dass du mich brauchst. Und dass du mich brauchst, belastet mich mit einer enormen Verantwortung und noch mehr Verantwortung kann ich im Moment echt nicht haben.“

Jonas musste ein wenig schmunzeln, da ihm die enorme Verantwortung, die im Kopieren von Tagesordnungen und dem Verteilen von Flyern lag, nicht ganz einleuchten wollte. Dennoch versuchte er Yvonne zu besänftigen.

„Ist ja gut, ich habs nicht so gemeint.“

„Du fängst immer wieder dieses Thema an, dabei kennst du meine Meinung dazu.“

„Schon gut, es kommt nicht wieder vor.“

„Wir sind alle Individuen.“

„Ja, ja.“

„Ich und auch du!“

„Stimmt.“

„Du musst doch auch an deine Karrieredenken.“

„Karriere?“ Da musste Jonas doch lachen. „Ich sitze in einem feuchten Kellerloch, habe einen Computer vor mir, über den sich ein Museum freuen würde und anscheinend bin ich der Einzige, der weiß, dass ich überhaupt in diesem Betrieb angestellt bin.“

„Aller Anfang ist schwer.“ drang es mütterlich durch den Hörer.

„Von Anfang kann gar keine Rede sein. Ich glaube eher, das ist das Ende.“

„Meine ehemalige Chefin hat genauso angefangen wie wir. Am Anfang macht man halt die Handlangersachen.“

„Das war damals, in der guten alten Zeit. Da gab es noch Festanstellungen, Aufstiegsmöglichkeiten, ein angemessenes Gehalt…“

„Wichtig ist, das man selbst die Handlangerarbeiten gewissenhaft und zuverlässig ausführt. Im Moment läuft es halt ein bisschen zäh, aber wenn die Krise erstmal vorbei ist…“

„ Das hör ich jetzt seit dem ich mir überhaupt Gedanken über einen Job mache. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern überhaupt mal einen Boom erlebt zu haben. Das ist keine Krise, das ist der steile Weg bergab…“

„Jetzt hör auf damit, mach mal keine Panik. Du hast doch VWL studiert, du musst doch wissen das das wirtschaftlich immer auf und ab geht.“

„Von wegen auf und ab. Alle reden immer vom Wachstum, was soll denn da noch wachsen? Wir sind doch alle so was von satt.“

„Jonas, bitte!“

„Doch, natürlich. Wir haben doch alles. Wieviele Handies hast du zum Beispiel?“

„Zwei.“

„Zwei? Seit wann hast du zwei Handies?“

„Mein privates und mein dienstliches. Volker hats mir gegeben.“

„Öhm, ja…“ Jonas hatte kurz den Faden verloren, fand aber wieder rechtzeitig in seine Kritik zur Lage der Nation zurück bevor Yvonne ihm das Wort abschneiden konnte.

„Und wie viel Autos hast du“

„Das weißt Du Jonas.“

„Du verdienst so gut wie keine Kohle und hast ein Auto.“

„Das bezahlen meine Eltern und das weißt du auch. Und überhaupt, du verdienst weitaus mehr Geld als ich, arbeitest bei einem Autokonzern und hast kein Auto, wie siehts damit aus?“

„Ich bekomme vor meiner Wohnung keinen Parkplatz.“

„Ja, is klar.“

„Nein, ist einfach so. Die wollen 200 € für einen Parkplatz, im Monat.“

„Da hast du ja jetzt was wofür es sich lohnt zu arbeiten.“

„Ja, da brauch ich nur noch ein Auto.“

„Nochmal, du arbeitest bei einem Autokonzern“

„Nee, da nimm ich lieber weiter den Bus.“

Ein tiefer Seufzer kam aus dem Hörer. Yvonne war jetzt am Rande ihrer Geduld. Die Konversation neigte sich dem Ende zu.

„Ja ich weiß, ich bin furchtbar.“

„Manchmal schon“

Abermaliger Seufzer.

„Ich muß jetzt schlussmachen, ich muß zum Termin.“

„Ja, schon o.k. Ich…“ Jonas hielt inne, den Satz mit dem hässlichen Wort Vemissen konnte er nicht bringen.

„Ich bin eigentlich ganz froh, dass du nicht hier bist.“

„Was soll das denn jetzt?“

„Tschuldigung, ich wollte lediglich ein Verantwortungsdruck von dir nehmen.“

„Oh Mann…“ Klick. Yvonne hatte aufgelegt. Jonas überkam ein schlechtes Gewissen. Das war wohl etwas

zu viel des Guten.

3 Jahre war er jetzt mit Yvonne zusammen. Wenn man das so nennen konnte. Die Diskussion um Bindung oder Nichtbindung waren so alt wie die Beziehung an sich. Aber irgendwie wurde er das Gefühl nicht los das dies jetzt wirklich die letzten Züge waren.

to be continued.......

Monday, May 08, 2006

Die Träume des Jonas K.

Feierabend

Noch 54 Minuten. Das zieht sich. Die letzte Stunde ist immer die längste. Selbst wenn der Tag zuvor im Fluge vergangen war, was in unserem Falle zugegebenermassen so gut wie nie passierte, schritt die letzte Runde voran wie ein adipöser Fusskranker. Aber man war ja auch schließlich nicht zum Vergnügen hier.
Jonas Klein sass in seinem kleinen, bescheidenen Büro und leistete seinen kleinen, bescheidenen Beitrag dafür, dass der große Autokonzern „BIG ONE Cars“ (kurz BOC), welcher so gütig war ihn zu beschäftigen, wieder dahin kam, wo er hingehörte, nämlich an die Spitze der gesamten Branche. Bei seiner Einstellung hatte man ihm gepredigt, dass Demut eine unabdingbare sekundäre Tugend sei, um es in diesem Unternehmen zu etwas zu bringen und diese Eigenschaft wurde bereits bei Jonas Büro voll gefordert. Es hatte keine Fenster, was nicht verwunderte, wenn man bedachte, daß es sich im Keller des achtstöckigen Bürogebäudes befand.
Jonas wußte nicht ob es so von Firmenvorstand beabsichtigt worden war, jedenfalls waren die Stockwerke des Gebäudes streng hierarchisch angeordnet. Im obersten Stockwerk saß der nationale Vorstand, im siebten die Direktoren der verschiedenen Einkaufsdistrikte. Wer hier saß, war Mitglied des Olymps, unnahbar, unantastbar, unfassbar, zumindest für Jonas. Bei Zigarettenpausen auf dem Werksgekände konnte man gelegentlich einen dieser modernen Sagengestalten erblicken: Immer schnellen Fusses unterwegs, zu dem es garantiert einen entsprechenden Leisten in der Werkstatt eines italienischen Schuhmachers gab, welcher pro Monat nur eine handvoll Schuhe zusammenklöppelte, welche den Preis eines Kleinwagens mit Klimanlage hatten, und für dessen Material (wohlmöglich Leder hergestellt aus osttibetanischen Yakhoden) der gute Meister seinen Erstgeborenen einem ansässigen Fussballzweitligisten in Zahlung gegeben hatte. Diese Menschen (niemand konnte mit 100 prozentiger Sicherheit sagen, ob sie es wirklich waren) marschierten zielgerichtet ihrem nächsten Ziel entgegen, getrieben von Kräften, die Jonas nicht begreifen konnte und wohl auch nie begreifen würde. Sie wurden getrieben, wirkten jedoch nie gehetzt. Wie auch, es gab niemanden der ihnen ernsthaft in den Hintern treten konnte, außer vielleicht wenn sich der gesamte Zorn der Aktionäre bündelte und ein Blutopfer forderte, auf das der Gott des schnöden Mammons zufriedengestellt werde und die Anteile wieder in die Höhe schnellten. Und selbst in dem Falle, dass einer dieser Erscheinungen wirklich vor dem Rat der Anteilshaber in Ungnade gefallen war, fiel die Bestrafung in den Augen des arglosen Unbeteiligten doch recht gnädig aus. Gewöhnlich wurde eine Abfindung gezahlt, die monetär ausgedrückt höher war als alles, was die ersten drei Stockwerke (und den Keller konnte man getrost noch dazu zählen) in ihrem ganzen Leben verdienen würden. Bevor man nun mit dem ganzen Geld und dem ungewohnten Zuwachs an Freizeit in eine gepflegte Depression abgleiten konnte, meldete sich meistens noch rechtzeitig ein anderer Megakonzern, die wiederum einen neuen Halbgott suchten, da der alte ebenfalls irgendwas in den Sand gesetzt hatte und so dumm war (dieser Begriff ist eigentlich im Zusammenhang mit beschriebenen Personen unangebracht) die Schuld nicht rechtzeitig einem seiner Untergebenen zugeschoben zu haben.
Das war irgendwie vergleichbar mit einem Kind, das man beim Klauen in der Süsswarenabteilung erwischt hatte. Das Balk hatte sich die Taschen so vollgestopft mit Schokoladentafeln( die 500-Gramm Tafeln), Pralinenschachteln (die extrateuren aus handverlesenen Kakaobohnen) und Weingummies (aus garantiert BSE-freier Gelatine), das es auf seinem Weg gen Ausgang laufend Ladung verlor und eine unübersehbare Spur feinster Leckereien hinter sich her zog. Soviel Dreistheit darf natürlich nicht ungesühnt bleiben und so wird nach einer eingehenden Belehrung dem Kinde die gesamte Auslage übergeben und es zum nächsten Süsswarengeschäft geschickt. Im Falle dieses Kindes ist dies möglich, ja sogar vollkommen klar, denn dieses ist etwas- Besonderes.
Das war Jonas, der wie bereits erwähnt im Keller saß, nicht. Sein Traum war es irgendwann mal bei den Einkäufern zu sitzen, die hatten wenigstens Fenster. Sein Büro (die Bezeichnung war etwas vermessen) war cirka 14 Quadratmeter groß und wurde durch durchdringendes Neonlicht erhellt. Die Wände waren weiß gestrichen, an diesen Wänden standen drei Aktenschränke, olivgrün und wahrscheinlich seit Jahren unberührt. An der Wand hing ein Kalender, den Bremsenzulieferer gespendet hatte, datiert auf das Jahr 1998 und eine Europakarte, auf der noch die DDR zu sehen war. Es gab nur einen provisorischen Schreibtisch auf dem ein gnadenlos veralteter PC stand, welcher so langsam und laut war, daß Jonas vermutete man hätte statt eines Prozessors eine Ratte im Laufrad in diesen installiert. Er hatte sich bislang jedoch nicht getraut seine Vermutung zu überprüfen. Als Sitzgelegenheit diente ihm ein Stuhl, den man vermutlich aus der Kantine entwendet hatte.
Irgendwie schien alles, was sich in diesem Raum befand, in Vergessenheit geraten zu sein.
Noch 51 Minuten. Die Zeit stand anscheinend still. Wenn man nichts, aber auch gar nichts zu tun hat, muss man sich schon was einfallen lassen. Jonas wählte die Klo-Variante. Das brachte Zeit und man kam in Bewegung, was bei der Kantinensitzgelegenheit auch bitter nötig war. Die nächste Toilette befand sich zwar im Keller war aber aus nicht nachvollziehbaren Gründen abgeschlossen seitdem Jonas in sein Büro unter der Erde eingezogen war. Ein zuständiger Commodity Manager (früher manchen auch als Hausmeister bekannt) war nicht aufzufinden, das gesamte Commodity Management war umstrukturiert worden, wobei anscheinend etwas mit vereinzelten Schlüsseln schiefgegangen war. Mehr konnte Jonas bei seinen Spaziergängen durch das Verlies auch nicht in Erfahrung bringen, das Commodity Management arbeite aber fieberhaft an einer Lösung des Problems.
Jonas kam dieses Toilet-Issue ganz recht. Man war gezwungen im Erdgeschoss pinkeln zu gehen, das war ein weiter Weg. Jonas ging langsam, betont langsam, schritt sozusagen, fast wie ein Priester vor der Erteilung eines Sakraments. Er öffnete die blaue Stahltür die ins Treppenhaus führte und verlies so die Welt der Neonröhren in Richtung Tageslicht. Am Pissoir angekommen öffnete er langsam die Hose und drückte sich mühevoll ein paar Tropfen heraus, wenn man etwa achtmal am Tag aufs Klo ging und nicht an akuter Diarhö litt, war es schwierig seinem Körper noch irgendwelche Körperflüssigkeiten zu entlocken. Trotzdem mußte man auch hier ordentlich abschütteln. Einmal, zweimal, dreimal, ja auch viermal und weil die Firma Ihre Mitarbeiter zur äußerster Gründlichkeit in allen Bereichen des Arbeitslebens aufforderte auch guten Gewissens ein fünftes Mal. Hose wieder zu, vorsichtig. Dann gemächlich zum Waschbecken, ordentlich Seife auf die Hände (Jonas hatte vor seinem Eintritt in die Firma bei solchen Gelegenheiten nie Seife benutzt) und dann so lange waschen bis die Finger schrumpelig wurden. Um nochmal schätzungsweise 2 Minuten herauszuschinden benutzte er statt der Papiertücher den Heisslufttrockner (keine Ahnung wie der Terminus Technikus für dieses Ding war).
In der Eingangshalle warf er noch einen langen, eingehenden Blick auf die neuesten Mitteilungen des Unternehmens. Sein Blick schwiff über den Bericht über die Weihnachtsfeier der Altgedienten und die Ausschreibung des Betriebstennisturniers um schließlich bei den Sportangeboten des Betriebes zu verweilen. Fussball am Mittwoch abend, das war morgen, in der Betriebssporthalle um acht. Könnte man ja mal machen. Jonas hatte früher Fussball gespielt, nicht besonders gut, aber vielleicht spielte die Zeit ja für ihn. Vermutlich wäre er der Jüngste und vielleicht auch der Schlankeste. Bewegung hatte er bitter nötig, er war nie besonders athletisch gebaut gewesen, aber zu seiner schmalen Brust hatte sich jetzt noch ein unübersehbares Bäuchlein gesellt. Im Profil sah er aus wie ein kleines b. Sportbekleidung und Turnschuhe (weiße Sohle) waren mitzubringen, sowie natürlich gute Laune (natürlich).
Jonas schlenderte zurück in seine Kammer. Simultan mit Betreten des Zimmers fiel sein Blick auf das Display seines Telefons. 15.43. Ja! Reife Leistung. Jonas rechnete: Wenn er fünf Minuten früher ginge (was in diesem Unternehmen weitgehend als akzeptabel galt) hätte er jetzt noch 12 Minuten. Das war nur noch halb so wild. Jonas begann langsam und bedächtig seinen Schreibtisch aufzuräumen. Er ordnete Stifte, Lineal, Locher und Papier geometrisch an, richtete sie so aus, dass sich ein Muster auf dem Tisch bildete. Er korrigierte einzelne Bestandteile dieses Musters, bis sie seiner Meinung nach perfekt angeordnet waren.
Ein Blick auf das Display: 15.47. Weniger als 10 Minuten, bald war es geschafft.
Er nahm den Papierkorb, in dem zwei zusammengeknüllte Seiten Papier lagen und ging zum Shredder, der ein paar Zimmer weiter stand. Die beiden Fehldrucke hätten einen Werksspion nicht wirklich weitergeholfen, trotzdem, wenn er nichts sinnvolles zu tun hätte, könnte er wenigstens das gründlich tun. Und sicher war und sit und blieb schließlich sicher. Er entknäulte die beiden Papiere, um den Shredder nicht zu verstopfen und legte sie fast zärtlich in den Einzug. Nachdem er gewissenhaft überprüft hatte, ob die Maschine ihren Dienst auch ordnungsgemäß verrichtet hatte, kehrte er an seinen Arbeitsplatz zurück.
Display: 15.53. Fast geschaft, jetzt mußte er sich beeilen, um das Büro noch planmäßig verlassen zu können.
Er fuhr den Computer herunter und zog gleichzeitig seine Jacke an um Zeit zu sparen. Er wartete bis der Rechner sich von ihm höflich verabschiedete.
Display: 15.54. Eine Minute mehr oder weniger, darauf kam es jetzt auch nicht mehr an, nichts wie raus hier. Er packte seinen Rucksack und schmiss die Tür hinter sich zu. Abschliessen konnte er nicht, besagtes Problem im Facillity-Management hatte zur Folge, das auch der Schlüssel zu diesem Raum fehlte. Ungewohnt schnellen Schrittes verlies Jonas das Verlies, betrat den Hof, fühlte die wärmenden Sonnenstrahlen auf seiner Haut, atmete die frische Luft und war für ein paar Sekunden glücklich. Dieser Zustand änderte sich aber spätestens als er am Werksausgang dem Mann vom Sicherheitsdienst begegnete. Man kannte sich bereits, der Wächter hatte es sich bis jetzt noch nie nehmen lassen, Jonas ausgiebig zu untersuchen. So auch diesmal. Beim Versuch das Tor zu passieren prallte Jonas gegen die Schulter des Schergen.
„Aufmachen, bitte!“
Jonas seufzte. Was konnte sich schon in diesem beschissenen Rucksack verbergen? Wichtige Informationen über strenggeheime Technologien?. Die Firma war ja noch nicht mal im Stande ein Auto mit akzeptablem Spritverbrauch zu bauen, bzw. ein ordentliches Design hinzukriegen. Was sollte er hier schon raustragen? Um herauszufinden was für einen Schund hier fabriziert wurde konnten die gegnerischen Unternehmen einfach geduldig warten bis die nächste Katastrophe auf den Markt geworfen wurde. Um sich dann halbtot zu lachen.
Nutzte nichts, der Mann für die Sicherheit filzte den Rucksack nach besten Gewissen, sogar die Seitentaschen.
„Alles in Ordnung.“ Wer hätte das gedacht.
Jonas setzte sich in Bewegung. Wenn er jetzt noch die Bahn kriegen wollte, mußte er einen Schritt zulegen. Wenn dieses Arschloch von der Sicherheit nicht...
Tatsächlich sah er die Bahn schon auf die Haltestelle zusteuern und diese war noch cirka 200 Meter entfernt. Er legte so etwas wie einen Sprint ein, was bedeutet, dass er pumpte und kämpfte wie im 100-Meter-Finale der olympischen Spiele. Von der Stelle kam er jedoch kaum. Glücklicherweise war jemand, der ihn vom Weiten keuschend und japsend nahen sah, so gütig , die Tür zu blockieren. Das freute wahrscheinlich nicht den Bahnfahrer, umso mehr jedoch Jonas, der dem edlen Retter ein ersticktes „Dange“ zukeuschte.
Jonas setzte sich auf den einzigen freien Doppelplatz. Der Tag wäre also auch vorbei. Gott sei Dank.

Jetzt gehts los

Also gut unsere kleine Geschichte startet also heute. Man könnte meinen das die Geschichte in Deutschland stattfindet, Orte die angegeben werden sind aber eher zufällig und könnten gegen beliebige Orte der westlichen Welt ausgetauscht werden.
Den Vorwurf das sich die Geschichte doch arg an den momentanen Zeitgeist ranschmeisst kann man durchaus gelten lassen. Allerdings ist das Problem der prekären Generation meiner meinung nach kein Modeerscheinung sondern das Produkt einer jahrzehntelangen Entwicklung innerhalb der westlichen Welt.
Aber genug zum Vorgeplänkel. Kommen wir nun zu Jonas K. und seiner Geschichte....

Saturday, May 06, 2006

Am Montag gehts los

hoffentlich.....