Thursday, June 29, 2006

Die Träume des Jonas K.

Jonas blieb noch eine ganze Weile in Ilkas Wohnung. Sie hatte eine Menge zu erzählen und da Jonas die Zuhörerrolle ohnehin vorzog wurde es beinahe Mitternacht. Um beider Arbeitskraft noch zu gewährleisten kehrte Jonas in seine Wohnung zurück um wie die Statue eines geschassten Diktators ins Bett zu fallen.

Nicht mehr nachdenken. Bloß nicht mehr nachdenken.

Nicht mehr nachdenken über Yvonne. Nicht mehr nachdenken über diese Karikatur eines Jobs. Nicht mehr nachdenken über das Leben in der prekären Generation . In der nichts sicher ist. Außer der Tatsache, dass die Dinge, die gestern noch sicher waren, heute eine nostalgische Erinnerung geworden sind.

„ ….der Erfolg des Programms zeigt sich dadurch das alle Teilnehmer der letzten Jahre eine feste Anstellung gefunden haben.“

So oder so ähnlich las sich die Jobanzeige die er vor einem Jahr im Internet fand. Ein Trainee-Program bei einem der größten Firmen der Welt mit garantierter Jobgarantie, was wollte man mehr in diesen Zeiten. Man zog einfach die zwei Jahre durch, hatte danach einen sicheren und gut bezahlten Job in denen man sich nach kurzer Arbeitszeit auf einen ausgedehnten Feierabend freuen konnte. Man verbrachte seine Zeit mit Rosen züchten und Bierdeckel sammeln und sah zuversichtlich der Rente entgegen.

Und kaum hatte man den Vertrag unterzeichnet hörte man erste Gerüchte über die Einstellung des Programms. Offizielle Stimmen behaupteten prompt das Gegenteil, aber konnte man denen trauen? Konnte man überhaupt irgendjemanden in diesem Laden trauen? Gute Leute kann immer gebrauchen, aber werden die dann auch eingestellt?

„Verdammt!“, dachte Jonas. „Ich denke wieder nach.“

Die Herkunft aus der Mittelschicht brachte meist eine gewisse Bildung und einen solide finanzielle Basis mit sich, leider aber auch die permanente Angst vorm sozialen Abstieg. Jonas ließ dies in letzter Zeit schlecht einschlafen. Was an sich schade war, denn er hatte zumeist wunderbar realistische Träume. Gerne dachte er zum Beispiel an einen Traum zurück den er in der 4.Klasse hatte:

Er stand auf dem Schulhof einem großen Spiegel gegenüber, die anderen Kinder standen um ihn herum und starrten den Spiegel ängstlich an. Jonas nahm Anlauf und die Kinder sprangen beiseite, schrieen in Panik. Jonas sprang durch den Spiegel und als er auf der anderen Seite ankam war er genau das Gegenteil von dem was er vorher war: Beliebt, geachtet und im Tennisverein. Der Traum beflügelte Ihn dermaßen das er am nächsten Tag dem Klassenrowdie einen bösen Kinnhaken versetzte. Dies brachte Ihm den Posten des stellvertretenden Klassensprechers ein. Leider war seine Reputation spätestens nach den nächsten Bundesjugendspielen verflogen. Die Grundschule bestrafte Abweichungen vom archaischen Männerbild unnachgiebig und grausam. King for a day- Fool for a lifetime.

Auch an diesem Abend fand Jonas dann doch in den Schlaf. Unglücklicherweise waren seine Träume in letzter Zeit nicht nur besonders realistisch sondern auch sehr beängstigend. So fand er sich zum Beispiel in einem Ego Shooter wider- ohne Munition, ohne Superwaffe und ohne Kenntnis eines Cheats. So wurde er die halbe Nacht von Monstern und Mutanten durch Labyrinthe gejagt, noch tagsüber fuhr er verschreckt zusammen wenn sich etwas massiger aussehende Menschen ihm näherten.

Ein Traum kehrte allerdings in letzter Zeit immer und immer wieder zurück: Er ging auf einem Spaziergang mit dem Teufel. Der Teufel sah so aus wie er ihn sich immer vorgestellt hatte. Armani Anzug, maßgeschneiderte italienische Schuhe, teure Schweizer Uhr am Handgelenk. Ansonsten Standard: Hörner, gelbe Augen, unvorteilhaft starke Körperbehaarung.

Sie streiften durch die Wohnviertel des Mittelstandes, in der Dämmerung, durch menschenleere Strassen. Der Teufel war nett, aber bestimmt, der väterliche Freund den Jonas nie gehabt hatte. Er gab Ihm Tips, alle etwas niederträchtig, aber durchaus nützlich, wie zum Beispiel: „Spar dir alle e-mails, besonders die an den Chef, die du tagsüber schreiben willst, für Abends auf. Das erweckt den Eindruck von überdurchschnittlichen Einsatz, ein Workaholic, der nur die Firma zum Lebensinhalt hat. Der alles gibt bis die Aterien dicht machen.“

Jonas winkte immer dankend ab. Das war nicht er, das war nicht richtig, man muß auch noch morgens in den Spiegel schauen können. Trotzdem erzählte er den Teufel jedes Mal seine Sorgen. Er war Ihm aus Mangel an Alternativen ein guter Freund geworden. Heute gestand er Ihm: „Ich fühle mich einsam. Meine Freundin hat sich von mir getrennt. Glaube ich zumindest. Und das schlimme ist, es macht nicht wirklich einen Unterschied zu vorher. Sie hat mich gut behandelt wenn ich sie schlecht behandelt habe. Und wenn ich sie gebraucht habe ist sie fortgelaufen. Ich sage das es mir schlecht geht und sie versteckt sich. Als ob sie Angst vor mir hätte, als wäre ich etwas Unnatürliches.“

Der Teufel pfiff durch die Zähne: „ Ja, so sind die Frauen. Fühlen sich von Stärke und Unabhängigkeit angezogen. Die sich natürlich in einer gewissen Arroganz äußert. Aber man kann ihnen keinen Vorwurf machen. That’s evolution baby. Man brauchte halt früher den Typ Mann der mit stoischer Miene die Mammutherde des Hauses verwiesen hat. Da konnte man nicht das Weichei gebrauchen, der im hinteren Teil der Höhle sein inneres Kind sucht. Seitdem hat sich nicht viel geändert. Mammutherden gibt es nicht mehr, dafür aber tyrannische Abteilungsleiter, ausländische Investorengruppen und jede Menge unbezahlte Überstunden. Der Genpool muss sauber gehalten werden, aber man kann tricksen. Man kann so tun als ob. Die Frauen merken das nicht. Das kommt im Endeffekt aufs Gleiche raus.“

„Am Ende kommt doch alles raus. Das funktioniert nicht. Irgendwie muss die negative Energie doch raus.“

„Tss, negative Energie, New Age Kacke. Früher, da hatte man keine negative Energie, da hatte man Scheiss-Frust und der musste raus. Da hat dem Nächsten in die Fresse gehauen, alles was einem in die Quere kam.“

„Das ist wohl kaum noch zeitgemäß.“

„Wohl wahr. Aber warum springen Leute mit Fallschirmen von Wolkenkratzern? Warum schlagen Leute mit bloßen Händen Bretter durch? Warum klettern Leute ohne Sicherung 200 Meter hohe Steilwände hoch, wohl wissend das sie ein einfacher Niesser umbringen könnte. Frustbewältigung, alles Frustbewältigung. Und was spricht dagegen sich zünftig zu besaufen. Das ist einfacher, billiger und auf kurze Distanz ungefährlicher.“

„Vielleicht bin ich einfach zu weich auf die Welt gekommen.“

„Vielleicht Jonas, vielleicht.“

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